Die IG Metall im Kreis Olpe ist von Beginn der Corona-Pandemie an sofort neue Wege gegangen und hat ihre Mitglieder über virtuelle Versammlungen auf dem Laufenden gehalten. 6W3A5581Bundesweit ist der Standort Olpe damit zum Modellprojekt geworden. Nun hat das Team die Erfahrungen der vergangenen Wochen genutzt und die erste (teil-)virtuelle konstituierende Delegiertenversammlung der gesamten IG Metall abgehalten: Während ein Teil der Teilnehmer gestern Abend in der Stadthalle in Olpe anwesend war, hatten sich die anderen per Video zugeschaltet. Über das elektronische Beteiligungssystem konnten alle an den anstehenden Wahlen teilnehmen, was während der vergangenen Wochen akribisch vorbereitet und juristisch geprüft worden war, um Datenschutz und Anonymität zu gewährleisten. Im Vorfeld erläuterte André Arenz detailliert und mit Hilfe eines vorbereiteten Videos, wie die Abstimmung über Teambiz funktioniert, was anschließend mit einer Probewahl getestet wurde. Sollte ein Delegierter nicht anwesend sein, erkennt das System automatisch, wer sein Stellvertreter und damit stimmberechtigt ist. Die Tagesordnung wurde angenommen, das elektronische Wahlverfahren einstimmig genehmigt und Uwe Schulte zum Versammlungsleiter bestimmt. Die Ergebnisse der Wahlen wurden jeweils von der Wahlkommission überprüft, das Ergebnis war einen kurzen Moment später auf der großen Leinwand sichtbar. In der ersten Wahlrunde wurde die Mandatsprüfungs- und Wahlkommission festgelegt, in der ab sofort Jörg Böhmer, Hubertus Rath, Susanne Schneider, Hans-Peter Grammel, Ingo Hamers und Alina Weber vertreten sind.

„Die IG Metall im Kreis Olpe, das sind wir alle gemeinsam, die wir Verantwortung tragen. Wir wollen die IG Metall gemeinsam zukunftsfest machen, miteinander Arbeits- und Lebensbedingungen gestalten, wollen dies solidarisch und beteiligungsorientiert mit den Mitgliedern tun“, begann André Arenz seinen Geschäfts- und Kassenbericht. Im Rückblick auf das vergangene Jahr skizzierte er das Projekt, die IG Metall im Kreis Olpe zu stärken, verwies auf betriebliche Konflikte, die gemeinsam bearbeitet worden sind, und die Beratung und Vertretung einzelner Mitglieder, den ersten echten Arbeitskampf bei Thyssen-Krupp und EMG mit 24-Stunden-Streiks. Er erinnerte, wie man politisch gemeinsam mit dem DGB Einfluss genommen und schnelle Handlungen in der Corona-Krise mit den Live-Streams entwickelt habe. Die Mitgliederentwicklung sei leicht gesunken, weswegen er alle dazu aufrief, neue Mitglieder zu werben. Beim Blick auf die jetzige Situation wies er auf die umfangreichen betrieblichen Auseinandersetzungen mit den Betrieben und auf die finanzielle Ausstattung der Geschäftsstelle hin, die eine gleichbleibend gute Entwicklung zeige. „Da brauchen wir uns aktuell keine Sorgen machen und wir geben alles, dass das so bleibt.“ Einige Betriebe seien bereits bei virtuellen Betriebsversammlungen unterstützt worden, wer Bedarf habe, kann sich jederzeit mit der Geschäftsstelle in Verbindung setzen. Für die Zukunft gelte es, die Arbeits- und Lebensbedingungen zu sichern, die Beteiligungsorientierung weiter auszubauen, dadurch die Mitglieder noch mehr einzubeziehen und das Ehrenamt ausbauen. Er dankte allen, die sich bereits in der IG Metall engagieren und zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben.  

Der Bericht der Revisoren bescheinigte der Geschäftsführung und dem Ortsvorstand eine tadellose Kassenführung, demnach stimmte die Versammlung einstimmig für deren Entlastung.6W3A5681 Bereits im Vorfeld war André Arenz erneut als 1. Bevollmächtigter und Kassierer vorgeschlagen worden. Die Versammlung wählte ihn gestern zum dritten Mal an die Spitze der IG Metall im Kreis Olpe. „Ich freue mich sehr über das Vertrauen und darauf, die Arbeit weiterführen zu dürfen“, so André Arenz nach seiner Wahl. Im Jahr 2015 war der 43-Jährige zum ersten Mal zum 1. Bevollmächtigten bestimmt worden, nach seiner Wiederwahl 2016 erfolgt die Wahl nun turnusgemäß alle vier Jahre. Sein Stellvertreter und damit Zweiter Bevollmächtigter ist Stefan Köster, der den Posten ehrenamtlich ausführt. Die Versammlung wählte anschließend Gisela Richter, Maria Sellmann, Franz Epe, Michelangelo Bruno, Guido Busenius, Stephan Wurm, Fabrizio Mariano, Andreas Ohm, Annette Benfer, Horst Dietrich, Bernd Sasse, Ali Atasoy und Thorsten Wottrich in den Ortsvorstand.

6W3A5635Als Gastredner sprach Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall Nordrhein-Westfalen, über die Herausforderungen, die die Corona-Krise mit sich bringt. Die derzeitige Lage zeige sich mit dem mächtigen Knick im Produktionseinbruch – die größte Rezession der Nachkriegsgeschichte. Nachdem sich die Infektionszahlen zunächst beruhigt hatten, zeige der Blick nach Gütersloh, dass die Furcht vor der zweiten Welle gar nicht so unbegründet sei. Er nutzte die Gelegenheit und ging auf die Um- und Zustände bei Tönnies ein. Er sei sich sicher, dass das Vorkrisenniveau frühestens 2022 wieder zu erreichen sei. Der Blick auf die Mitgliederentwicklung zeige, dass momentan mehr gehen als kommen – 24 000 Mitglieder hat die IG Metall auf Bundesebene verloren. „Das hat massive Auswirkungen auf die gesamte IG Metall“, das eigentlich stärkere zweite Halbjahr werde hier vermutlich keine Besserung bringen.

Die Arbeitgeber rüsten sich, skizzierte er anschließend. „Die Brücke der Kurzarbeit wird brüchiger, je länger die Rezession wirkt.“ Die Reaktion der Arbeitgeber zeige sich in einer Anpassung der Strukturen, dem „Rightsizing“, was sich in Kostensenkungs- und Personalabbaupläne in vielen Betrieben widerspiegele. Die Vorhaben des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Reformprojekte wie die Grundrente zu stoppen, Mitbestimmungsrechte bei Einstellungen, Arbeits- und Gesundheitsschutz zu verringern, Massenentlassungen oder die Fristverkürzung bei Wahrnehmung der Mitbestimmung und Fortführung virtueller Beratungspraxis, müssten unbedingt verhindert werden. Für das zweite Halbjahr stünden unter anderem die flächendeckende direkte Ansprache von Mitgliedern und Beschäftigten und entsprechende Mobilisierungskampagnen, die Einbindung der einzelbetrieblichen Auseinandersetzungen in einen regionalen und gesellschaftlichen Kontext oder das Projekt „ Die IG Metall vom Betrieb aus denken“  auf der Agenda. „Krise heißt auch immer Chance“, betonte Knut Giesler. „Wir haben uns in den letzten Wochen und Monaten als pragmatische Problemlöser präsentiert. Auf dieser Basis können wir jetzt berechtigte Forderungen stellen.“ Es gelte, wichtige Werte zu sichern, wie die Gesundheit, Beschäftigung und gute Arbeit, das Einkommen, die Familie, Zukunft und die Unternehmen, aber auch das Klima und die Regionen und Städte als regionale Wirtschaftssysteme. Die Botschaft der IG Metall ist an dieser Stelle: „Wir sind stark und tun alles dafür, in der Krise so viele Arbeitsplätze zu erhalten wie möglich, um auch in Zukunft eine gerechte Gesellschaft zu bewahren.“

 

Auch wenn derzeit noch unklar sei, wohin sich die Situation entwickeln würde, sei ein Szenario, in dem sich die Wirtschaft rasch erholt, wohl kaum denkbar. Irgendwo zwischen einem schwierigen und schlimmen Stern sieht der Bezirksleiter die nahe Zukunft stehen. In vielen Betrieben werde es zu Konflikten kommen, hier setze man auf eine aktive Konfliktbegleitung, die mit einer umfassenden Kampagne einhergehen soll. „Wir sind die stärkste Gewerkschaft der Welt und wir schaffen auch diese Krise – gemeinsam“, unterstrich er abschließend.

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